Einer neuen Zukunft entgegen
Seite 1 von 1 • Austausch •
Einer neuen Zukunft entgegen
Hiermit erteile ich der Administration dieses Forums die Genehmigung meine Werke hier zu zeigen.
Falls jemand meine Geschichte für gut befindet und diese für private Zwecke nutzen möchte, so wäre ich über ein Feedback dankbar und würde mich freuen. :)
Die Geschichte darf für private Zwecke kopiert, jedoch nicht verändert werden.
Einige kennen die Geschichte vllt noch in ihrer Urfassung. Ich habe sie die letzten Tage noch einmal etwas aufgepeppt ^^
Ein paar Tage Erholung hatte der Arzt gemeint, das würde mir gut tun nach all der Aufregung. Also habe ich brav meine Koffer gepackt und bin hierher an die Nordsee gefahren.
Um nicht zu sehr aufzufallen habe ich, wie fast alle hier, öffentliche Verkehrsmittel gewählt. Obwohl mir die vielen Menschen und der Zeitdruck zu wider sind, hatte ich doch bis zur Ankunft in der Klinik tapfer durchgehalten. Erst auf meinem Zimmer erlaubte ich mir durchzuatmen, und die Anspannung des Tages fiel etwas von mir ab.
Während ich im Badezimmer meine Utensilien auspackte, sah ich zum ersten Mal seit Stunden wieder bewusst in einen Spiegel. Für einen Moment hielt ich inne und betrachtete mein Spiegelbild eingehend. Nein, da gab es keine Auffälligkeiten. Obwohl ich unterwegs immer wieder den Eindruck hatte, dass mich alles anstarrte... ich sah aus wie immer... na ja, vielleicht etwas abgekämpfter als sonst. Mir schaute eine brünette jugendlich wirkende Frau entgegen, zwar etwas müde, aber sonst nichts auffälliges.
Dabei hatte ich erst vor einigen Tagen dieses seltsame Erlebnis, das mich veranlasst hatte einen Arzt aufzusuchen. Ich hatte das beherrschende Gefühl gehabt verrückt zu werden. Ich meinte plötzlich, dass mir meine Haut zu eng wäre. Es fing damit an, dass es auf meinem Rücken zwischen meinen Schulterblättern heftig zu jucken anfing. Auch sah ich „wie aus großer Höhe“ auf alles hinunter – es fiel mir sogar schwer zu laufen, so als würde ich meine Füße ständig verwechseln. Ich hielt das alles für Sinnestäuschungen und Tagträume – ich und ein Drache sein, das war doch fast gar unmöglich ... ich sollte nicht so viel verrücktes träumen ...
Natürlich ging ich, wie es sich geziemt, zum Arzt, der mich zunächst ungläubig ansah, und dann logisch fragte, wann meine letzte Auszeit gewesen sei. Natürlich war mein letzter richtiger Urlaub schon geraume Zeit her, eigentlich sogar über fünf Jahre, so dass die Diagnose für den Arzt recht einfach erschien.
Zusätzlich vor dem Besuch beim Arzt hatte ich auch das elektronische weltweite Netz durchstöbert, nach allem, was mit meinen Symptomen und dem Gefühl, ein Drache zu sein, zusammen hängen könnte. Ich war auf seriös erscheinenden Seiten, aber auch auf mysteriösen oder gar dubiosen Seiten gelandet. Auf einigen Seiten las ich sogar über Menschen, die meinten, nicht im richtigen Körper zu stecken. Je mehr ich las, desto weniger begriff ich meine eigene Situation. Was hatte das alles mit mir zu tun? Oder bildete ich mir alles nur ein?
Um mehr zu erfahren, hatte ich mich zunächst auf einigen Seiten mit dem Alias „Albino“ angemeldet. Das erschien mir logisch, ich kam mir schließlich ebenso andersartig vor - und wurde dennoch freundlich, teils sogar herzlich, begrüßt... und Kontakt wurde mir ebenfalls sofort vielfach angeboten. Aber alles ging so rasant schnell. Viel zu schnell.
Ich brauchte Abstand. Abstand von der Famile, Abstand vom Beruf, aber vor allem Abstand von meinen wirren Gedanken, die mir beim besten Willen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten.
Ich sollte wirklich alles einmal setzen lassen.
Jetzt, nachdem ich eine ganze Prozedur an Terminen, Untersuchungen und Formularen hinter mir hatte, war ich also hier zur Kur angemeldet und sollte zu mir selber finden, wie der Arzt gemeint hatte. Wie sehr er mit diesem Satz Recht haben sollte, begriff ich auch erst viel, viel später.
Mein Spiegelbild starrte mich immer noch an, müde, gestresst und abgekämpft, auch wegen meiner noch nicht zu kontrollierenden Empathie. Aber ich musste noch einmal zu den anderen, zur Begrüßungsrunde und zur Hausbesichtigung. Ich ermutigte mich selber: „Steffi Reimor, das bisschen schaffst du nun auch noch, du bist schon so weit gekommen.“
Die Gefühle, die mir kurz darauf, bei der Begrüßung, entgegen schlugen, waren ganz unterschiedlicher Art und hatten nichts mit mir zu tun. Erst als es mir gelungen war, meine Blockade zu errichten, ging es mir wieder besser. Das war auch so etwas, neuerdings konnte ich die Gefühle anderer aufnehmen... leider konnte ich es noch nicht kontrollieren. Am Ende des Tages war ich froh, in ein – wenn auch hartes – Bett zu sinken und schlafen zu dürfen.
Der Klinikalltag hatte mich sofort eingeholt. Nur gut, dass ich nicht ganz allein war. Jemand hatte mir angeraten, für alle Fälle mein Notebook mitzunehmen. „Es könnte gut sein, dass du Hilfe brauchst, die dir niemand in der Klinik bieten kann. Dann scheue dich bitte nicht, uns auch zu fragen.“
Schöne Worte, nur wen sollte ich fragen und wem vertrauen? Die Leute in den Foren waren mir alle noch fremd. Ich beschloss, diese Frage zurück zu stellen und später zu klären. Vielleicht renkte sich auch so alles wieder ein...
Ein paar Tage später hatte ich meine erste Massage. Bisher lief mein Behandlungsplan normal und ruhig. Die eine und andere Anwendung hatte ich ebenfalls schon hinter mir. Ich war neugierig und gespannt, was passieren würde. Aber zunächst einmal wurde ich in ein enges Tuch mit heißer Fango gewickelt, um meine Muskeln zu lockern. Ganz entspannt ließ ich mich mit meinen Gedanken von der Wärme treiben und genoss dieses angenehme, warme Gefühl. Nach einiger Zeit – ich muss wohl eingenickt sein – kam der Masseur und brachte die Fangopackung an ihren Platz zurück. Dann begann er mit einem wohlriechenden anregenden Massageöl mir professionell über den Rücken zu streichen. Es war ein sehr angenehmes Gefühl und auch etwas seltsam. Ich fühlte etwas wie Schuppen, die unter der Massage ganz weich und flexibel wurden. Da ich keinen erstaunten Ausruf, oder gar Aufschrei hörte, ging ich davon aus, dass ich mir diese Gefühle nur einbildete, und man aber nichts erkennen konnte. Ich ließ mich von meinen Sinneseindrücken leiten und vertiefte mich in diesen außergewöhnlichen und irgendwie auch seltsam vertrauten Genuss.
Gerade hatte ich mir vorgestellt, wie der Masseur wohl reagieren würde, wenn er plötzlich meine Flügelansätze massieren würde, als ich in dem Moment sein überraschtes Aufatmen bemerkte. Ich fühlte ebenfalls eine Veränderung auf meinem Rücken, genauer zwischen meinen Schulterblättern. „Was ist denn das hier? Was passiert da?“ hörte ich einen etwas ratlosen jungen Physiotherapeuten fassungslos murmeln.
Ich richtete mich etwas auf und griff mit einer Hand nach hinten. Tatsächlich, die Ansätze von Flügeln. Mit dieser Situation ebenfalls ziemlich überfordert brach ich zunächst in Panik und dann in Tränen aus, wobei es mir nun heiß und kalt den Rücken runter lief.
Der junge Therapeut fasste sich als erster wieder und schlang mir geistesgegenwärtig ein Laken um die Schultern, dann meinte er: „Frau Reimor, kommen Sie bitte mit mir mit. Hier im fast offenen Bereich können Sie so jedenfalls nicht bleiben.“ Da ich eh keine andere Wahl hatte, ohne noch mehr Aufsehen zu erregen, ging ich brav mit ihm mit in eine Einzelkabine. Meine Kleider und Schuhe hatte ich unter meinen Arm geklemmt.
Der Masseur verließ mich mit den Worten: „Ich komme sofort zurück.“ ... ob er wirklich wieder kommen würde? Ich setzte mich etwas verloren auf den Wannenrand des Bades, in das er mich gebracht hatte. Ich war unschlüssig, was ich jetzt tun sollte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Doch schon ein paar Minuten später kam er zurück. Er ließ warmes Wasser in die Wanne und meinte: „Setzen Sie sich erst einmal hier hinein und versuchen Sie sich zu entspannen. Ich habe dafür gesorgt, dass Sie hier für die nächste Stunde ungestört sind. Leider habe ich auch noch andere Patienten. Ich würde mich später gerne noch mit Ihnen unterhalten, Frau Reimor.“
Obwohl ich den Masseur, er hieß Jens Mattens, fiel mir gerade wieder ein, kaum kannte, so hatte ich doch kein schlechtes Gefühl bei ihm. Was ich jedoch dann hörte, als ich bereits im wohltuenden warmen Bad saß, ließ mich wieder hellhörig werden. Ich hörte Mattens mit jemandem telefonieren. Eigentlich war das völlig unmöglich, da die Tür zum Bad geschlossen war, und dennoch... Ich hörte jedes seiner Worte, von seinem Gesprächspartner jedoch gar nichts. „Du musst unbedingt sofort herkommen ... eine Sensation. Das würdest du mir niemals glauben ... Nicht am Telefon. Vertrau mir. ... es gibt sie wirklich. ...“
Ich hatte genug gehört. Ich war verwirrt, enttäuscht und traurig, wütend und fast schon entsetzt und ein beunruhigendes Kopfkino spielte sich vor meinem inneren Auge ab. Rasch stieg ich aus dem Wasser, zog mich hastig an und verließ leise das Bad durch einen Nebeneingang. Ich wollte so schnell wie möglich weg von hier. In meiner Panik bemerkte ich nicht, dass mir alles wieder ganz normal passte. Ich war blind vor Panik und achtete nicht darauf, wohin ich lief. Ganz automatisch hatten mich meine Schritte jedoch über unzählige Gänge und Stockwerke zurück auf mein Zimmer geführt. Erst als ich hinter mir abgeschlossen hatte, erlaubte ich mir tief durchzuatmen. Mit dem Sauerstoff kam auch die Ernüchterung und die Tatsache, dass ich an meinen Schulterblättern nichts auffälliges mehr spürte, obwohl ich mit dem Rücken gegen die Tür lehnte. Neugierig und ein wenig besorgt, ging ich zur Garderobe wo ein Spiegel angebracht war. Nichts. Ich drehte mich mehrmals neugierig hin und her. Es war rein gar nichts zu sehen.
Hatte ich mir alles eingebildet? War überhaupt nichts geschehen? Spielten mir meine Nerven einen Streich? Was sollte ich tun? Wie sollte ich mich verhalten? Was würde Mattens sagen, wenn ich ihm das nächste Mal begegne? Ich wollte am Liebsten sofort im Boden versinken.
Vorerst beschloss ich, mich weiterhin ganz normal zu verhalten. Das mit dem Masseur würde sich dann schon irgendwie ergeben. Bis zum Abend hatte ich noch etwas Zeit, die ich sinnvoll nutzen wollte. Meine restlichen Termine für heute ließ ich deshalb wegen Unpässlichkeit streichen.
Wenig später ging ich bei dem schönen, sonnigen Frühlingswetter ins Freie und suchte mir ein ruhiges Plätzchen am Strand. Dann packte ich mein Notebook vorsichtig aus, darauf achtend, dass es keinen Sand ab bekam, und stellte über mein Handy eine Verbindung ins Internet her. Ich wollte mehr wissen. Aufmerksam las ich die Seiten durch, wo ich mich angemeldet hatte, Beitrag für Beitrag. Vieles machte mich noch neugieriger, aber auf mein Problem hatte ich noch immer keine Antwort gefunden. In meiner kargen Chatliste war auch niemand, den ich hätte fragen können. Also beschloss ich, einen auf meine Situation zugeschnittenen Beitrag zu schreiben und mein Problem so genau und offen wie möglich zu schildern.
Kaum hatte ich meinen Beitrag frei gegeben, bekam ich auch sogleich Antwort. Jemand mit dem Namen „Argus“ hatte alles gelesen und versuchte mir hilfreiche Tipps zu geben. Doch er meinte gleich, um besser helfen zu können, sollte ich mein Problem genauer umschreiben. „Wenn du willst, kannst du mich auch direkt kontaktieren.“
Er erschien mir auf den ersten Eindruck ehrlich genug, so dass ich einen Versuch wagen würde, blockieren konnte ich ihn ja immer noch. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und wenig später unterhielt ich mich mit Argus im Privatchat über das Vorgefallene. Ich hatte wiederum ein gutes Gefühl, dass ich ihm soweit vertrauen konnte, schließlich lag es an mir, was ich ihm glauben wollte. Und ich konnte den Kontakt ja jederzeit abbrechen. Ich stutzte zwar einen Moment als ich seinen Vornamen „Jens“ in seinem Profil las, aber dann tat ich es als Zufall ab.
Seine Fragen erinnerten mich dennoch irgendwie an Mattens, aber das war vielleicht auch meine derzeit hochsensible Wahrnehmung, die mir da einen Streich spielte. Er meinte noch, ich könne ihn jederzeit anschreiben, da er gerade irgendwo Urlaub machen würde und meist online sei. Aber ich schrieb ihm lachend zurück, dass er nur mal schön bleiben sollte, wo er war. Ich würde mich schon melden, wenn wieder etwas wäre. So nah wollte ich jetzt doch noch niemanden bei mir haben.
Wesentlich ruhiger, und erleichtert jemanden zu haben, dem ich einiges anvertrauen konnte, ging ich zurück zum Abendessen in die Klinik. Ich fühlte mich sogar wieder so gut, dass ich gleich den vorgeschlagenen Ausflug für Sonntag buchte: Eine geführte Wanderung durchs Watt. Ich war guter Dinge und unternehmungslustig genug, dass ich mir Bilder ausmalte, wie es im Watt wohl sein würde.
Doch zuvor hatte ich einen weiteren Massagetermin. Etwas Bammel hatte ich schon davor. Was würde Mattens wohl sagen? Meine Angst jedoch war unbegründet. Der junge Masseur war nicht da. Nach meiner Massage, die eine Kollegin von ihm gemacht hatte, wollte ich dann doch neugierig wissen, weshalb er nicht hier war. Hatte es mit mir zu tun? Vorsichtig fragte ich an: „Ich vermisse Herrn Mattens. Ist er... krank?“ „Nein, er musste nur seinen Resturlaub antreten.“ Wie dumm von mir. Und ich dachte schon, dass es mit mir zu tun hatte. Ich ließ mir meine Gedanken nicht anmerken und meinte nur „vielen Dank. Bis zum nächsten Mal.“ Damit verabschiedete ich mich etwas zerknirscht und ging zu meiner nächsten Anwendung, die sich im Sportbereich befand.
Das Wochenende war ja nicht mehr weit, da konnte ich dann getrost ausspannen. Meine freie Zeit bis dahin verbrachte ich im Freien. Ich beobachtete die geschäftigen Menschen um mich herum und verglich sie mit den lärmenden und durch die Luft gleitenden Möwen. Eine heimliche Sehnsucht packte mich, während ich dem unbeschwerten Flug der Vögel zusah. Und das Kribbeln auf meinem Rücken wurde dabei auch wieder stärker als sonst. Aber trotzdem blieb es wiederum nur beim Kribbeln. Ich empfand es dieses Mal eher als angenehm, und kein bisschen lästig.
Den Rest meiner Zeit verbrachte ich immer öfter mit Argus gemeinsam im Internet. Je mehr Zeit ich uns widmete, desto vertrauter erschien er mir. Er stellte mir noch ein paar seiner Freunde vor, da er meinte: „...es könnte ja sein, dass ich nicht immer hier bin, wenn du mich brauchst.“ So lernte ich „Phönix“ und „Eagle“ näher kennen. Einer der drei schien immer präsent zu sein, und meist schalteten wir die anderen dann zum Gruppenchat dazu.
Ich lernte von ihnen mehr, als ich je in der kurzen Zeit hätte lesen können. Außerdem merkte ich, dass ich Mattens eigentlich ziemlich unrecht getan hatte. Wenn ich mir die Situation noch einmal durch den Kopf gehen ließ, war das Telefonat ganz unverfänglich. Er hätte genauso über eine seltene Fischart oder sonst etwas anderes sprechen können. Wenn ich ihn doch wenigstens irgendwie erreichen könnte, um mich zu entschuldigen.
Ich erzählte den dreien vom geplanten Ausflug ins Watt. Aber wo genau an der Nordsee ich mich aufhielt, das traute ich mich immer noch nicht zu sagen. Sie wünschten mir jedenfalls viel Spaß dabei und meinten halb lachend: „Sei aber schön vorsichtig^^ sonst bleibst du noch mitten im Watt stecken^^ “ Das versprach ich gern.
Am Sonntag gesellte ich mich zu der Watt-Wandergruppe und begrüßte auch einige dabei, die mit mir zusammen kurten. Wir wurden noch einmal auf die Risiken hingewiesen und kontrollierten den festen Sitz unserer Stiefel. Erst nachdem alle soweit angezogen waren, ging es los. Unterwegs lachten und scherzten wir immer wieder miteinander. Und besonders dann, wenn wieder eine von uns im Schlick besonders tief eingesunken war und mit dem Fuß selbst ohne Stiefel fast nicht mehr heraus kam. Dem Wattführer, Olf Tidken, hörten wir aufmerksam zu, wenn er uns etwas erklärte oder zeigte.
Gegen Ende der Führung mahnte uns der Führer zur Eile und zählte uns noch einmal auf, wie wir uns verhalten müssten, sollte uns einmal die Flut überraschen. „Halten sie sich immer quer zu den Prielen und überqueren sie diese so schnell wie möglich, wenn sie merken, dass sie sich in der Zeit vertan haben. Die Priele laufen bei Flut als erstes voll und müssen unter allen Umständen überwunden werden.“
Da einige von uns auch kleinere Kinder dabei hatten, waren wir nicht besonders schnell und fielen immer wieder von der Hauptgruppe zurück, welche einen anderen erfahrenen und ortskundigen Wanderer in der Gruppe gefunden hatte. Da Olf Tidken sehr gut auf die Kinder eingehen konnte und merkte, dass es den anderen Erwachsenen zu langsam ging, hatte er dem Ortskundigen sein o.k. gegeben und wir sahen von der restlichen Gruppe bald nichts mehr.
Zu allem Überfluss war nun auch noch ganz plötzlich Nebel aufgekommen. Obwohl der junge Mann versuchte, sich seine Panik nicht anmerken zu lassen, hörte ich aus seiner Stimme deutlich wie er sich fühlte und sah den kalten Schweiß auf seiner Stirn. „Folgen sie mir bitte, wir sind ganz nah an der Küste. Ein paar Minuten noch und wir haben es geschafft,“ meinte er mit Zuversicht in seiner Stimme. Tidken wollte sich selber wohl mehr Mut zusprechen als uns fünf Erwachsenen und sieben Kindern, die wir die extreme Gefahr nicht wirklich einschätzen konnten, in der wir längst schwebten ohne es zu ahnen. Fast etwas zu hektisch nahm der junge Mann seinen Kompass zur Hand und stiefelte uns zielstrebig immer ein paar Meter voraus. Wobei er sich alle paar Augenblicke zu uns umdrehte um sich zu vergewissern, dass wir ihm folgen konnten. Langsam aber beständig füllten sich die Priele und das Schmatzen unserer Stiefel bei jedem Schritt wurde ebenfalls immer satter. Immer schneller trugen uns unsere Füße voran. Wir waren scheinbar schon Stunden unterwegs, und der Nebel wollte und wollte nicht weichen.
Doch bald mussten wir feststellen, dass die Kleinen unser Tempo nicht halten konnten. Da jeder einzelne Schritt für uns in der zähen Masse fast erkämpft werden musste, machte es auch wenig Sinn, die Kleineren Huckepack zu tragen. Die besorgten und erschöpften Mütter begannen auf den armen Führer einzureden und ihn zu bearbeiten etwas gegen die Flut zu unternehmen. Als ob er die Macht hätte, das Wasser zurück zu halten. Und die Flut schien immer schneller zu kommen. Inzwischen umspülte das Wasser bereits ständig unsere Stiefel. Und es begann zu allem Unglück nun auch schon zu dämmern, früher als gewöhnlich, da der Nebel das Sonnenlicht zusätzlich dämpfte.
Den meisten von uns war inzwischen klar, dass wir es nie rechtzeitig ans Ufer zurück schaffen würden. Einige blieben deshalb in Panik wie angewurzelt stehen und waren zu keinem weiteren Schritt mehr zu bewegen. Dabei sanken sie immer weiter ein und hatten Mühe sich wieder zu befreien. Die Kinder, die sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnten, schrieen in wilder Panik, und ihre Mütter reagierten genauso panisch, alles vergessend was sie heute gelernt hatten, und sanken bei ihren helfenden Versuchen noch tiefer ein. Selbst Tidken konnte nicht überall gleichzeitig sein.
Ich überlegte fieberhaft, wie ich selber helfen konnte. Mir selbst ging es einigermaßen gut. Irgendwoher würde schon Hilfe kommen, da war ich ganz zuversichtlich. Mir fiel mein Handy ein. Rasch holte ich es hervor ... kein Netz ... Olf, der das gesehen hatte, schüttelte traurig mit dem Kopf. „An diese Möglichkeit hatte ich auch schon gedacht. Nur leider funktioniert es nicht überall.“ Jetzt war auch ich ratlos. Für einen Moment dachte ich im Stillen an meine neuen Freunde. ‚Denen würde jetzt bestimmt etwas einfallen.’
Bei dem Gedanken an sie bekam ich ein leichtes Kribbeln und Stechen im Rücken, das ich in der augenblicklichen Situation aber nicht weiter beachtete. Das Wasser hatte meine vorrangige Aufmerksamkeit, und es kam rauschend und mit Macht näher. Dann jedoch bemerkte ich sogleich meinen Irrtum. Es war nicht das Wasser, das da rauschte. Es waren Schwingen, sechs gewaltige Schwingen.
Das was uns da entgegen kam war so fantastisch und unwirklich, dass nicht nur ich vor Schreck und Erstaunen die Luft anhielt. Die Kleinen fingen sich am Schnellsten wieder und riefen begeistert alle Furcht vergessend: „Drachen. Richtige, echte Drachen! Mama, sieh mal.“ Von diesen Wesen schien weniger Bedrohung auszugehen als vom unbändigen Wasser, das mit Nachdruck immer näher kam und uns bereits versuchte von den Füßen zu reißen.
Es waren drei dieser Wesen, eines bizarrer als das andere. Sie verharrten vor uns flügelschlagend in der Luft. Der Kleinste der drei sah aus wie ein überdimensional großer Adler. So groß, dass eine Person locker auf ihm reiten könnte. Ich sah mir sofort auch die anderen beiden an. Ich ahnte bereits, wer uns da zu Hilfe geeilt war, und Argus zwinkerte mir grüßend zu.
Er war als Drache am Imposantesten. Mit seinen etwa 20 Metern Länge und seinen braunen Schuppen war er geradezu das Ideal eines Drachen. Der dritte stach nicht nur durch seine rotgoldene Farbe von den anderen ab, sondern war tatsächlich halb Phönix und halb Drache. „Wir kommen, um zu helfen,“ klang eine sonore Stimme durch unsere Köpfe. Olf Tidken sah verdutzt von einem zum anderen, und dann zu mir und den anderen der Gruppe. Ich machte es mir jedoch ziemlich einfach, indem ich scheinbar unwissend nur mit den Schultern zuckte. Stattdessen meinte ich dazu: „Wenn das keine Fügung des Schicksals ist. Wer will als erstes einen Freiflug haben?“ Die Kinder waren sofort begeistert und vergaßen dabei völlig, in welcher Gefahr sie bis gerade eben noch geschwebt hatten.
Wir kamen überein, dass ein Erwachsener mit den Kindern mitfliegen sollte. Schnell kletterten alle Kids bei Argus auf, der bereitwillig seine Pranke als Aufstiegshilfe entgegen streckte. Wobei er aufgrund seines Körpergewichts lieber in der Luft verharrte. Dann flog er geradewegs zur Küste zurück, kaum dass alle Kinder mit dem Erwachsenen auf ihm Platz gefunden hatten. Unterdessen verteilte unser Watt-Experte weitere Plätze auf Eagle und Phönix, was aber auch einige Überredungskünste erforderte. Beide Freunde versuchten mir tröstende und beruhigende Gedanken zu schicken, aber ich war viel zu sehr mit mir selber beschäftigt. Irgendetwas beunruhigendes ging in mir, mit mir, vor. Mir war plötzlich gar nicht mehr wohl in meiner Haut.
Gerade als die beiden losflogen, kam schon Argus wieder zurück. Mit einem Blick erfasste er die neue Situation. „Albino...“ begann er seinen Satz. „Nenne mich einfach Steffi, Albino ist nur mein Pseudonym.“ „Steffi, du brauchst keine Angst zu haben um das, was mit dir passiert. Wenn du es nicht möchtest, wird es auch nicht geschehen. Aber vielleicht sollten wir an einem ruhigeren Ort weiterreden.“ Ich stimmte ihm zu, da meine Lage durch das stetig steigende kalte Meerwasser nicht besser wurde, und Argus ständig mit den Flügeln schlagen musste. Würde er landen, würde ihn seine Körpermasse gleich ein gewaltiges Stück einsinken lassen. „Du hast Recht, lass uns später reden.“
Zuvorkommend half er mir auf seinen Rücken. Seinen Kopf zu mir drehend meinte er noch: „Du hast herrliche Flügel, Steffi.“ Erschrocken, und auch ein wenig geschmeichelt, drehte ich meinen Kopf um zu sehen, was er gemeint hatte. Tatsächlich sah ich hinter mir ein paar filigrane Flügel, die noch fest zusammen gefaltet waren. Durch den Nebel und das Dämmerlicht konnte ich keine Farben erkennen, aber sie schienen nicht weiß zu sein. „Halte dich gut fest, es geht los.“ Und Argus erhob sich flügelschlagend in die Lüfte.
Vom langsam aufkommenden Wind getragen ließ er sich zur Küste gleiten. Ich überlegte, ob ich es wagen könnte meine neugewonnenen Flügel ebenfalls auszubreiten, war mir aber nicht schlüssig. Argus, der entweder meinen Gedankengang verfolgt hatte, oder sogar Gedanken lesen konnte, meinte nur „versuch es nur. Wenn du dich weiterhin auf mir festhältst, passiert dir auch nichts dabei. Und meinen Flug stört es nicht.“ Zaghaft öffnete ich meine Flugfinger und der Wind spielte sofort mit der zarten Membran dazwischen. Ein völlig neues Glücksgefühl überkam mich dabei. So frei hatte ich mich noch niemals in meinem Leben gefühlt.
Gleichzeitig machte sich jedoch auch eine Ernüchterung in mir breit. Was sollte aus meinem Alltag werden? Was würde da mit meinen Flügeln geschehen? Argus schien mich tatsächlich auch ohne Worte zu verstehen. „Du hast nun jede Menge Fragen und noch mehr Antworten. Lass am Besten alles sich einmal setzen. Vieles klärt sich von allein. Ich bringe dich jetzt wieder zu deiner Gruppe, damit man euch geschlossen finden kann. Beantworte der Polizei gegenüber am besten gar keine Fragen... Wir werden uns wiedersehen.“
Kaum dass er mich in einiger Entfernung absteigen ließ, davon geflogen war und ich bei der Gruppe angekommen war, kam auch schon ein Suchtrupp, der nach uns Vermissten gesucht hatte. Sofort wurden wir in warme Decken gehüllt und zur Klinik gebracht. Meine Flügel waren, wie durch Zauberei, wieder weg, kaum dass ich den Boden berührt hatte. Unterwegs wurden wir schon mit vielen Fragen bombardiert. Doch keiner schien sich mehr daran zu erinnern, wie wir ans rettende Ufer gelangt waren. Die Kinder wussten noch etwas von geflügelten Wesen, aber ihrer blühenden Fantasie glaubte keiner so recht.
In der Klinik mussten wir alle auf die Krankenstation, damit die Schwester gleich eingreifen konnte, sollte sich über Nacht doch noch bei dem einen oder anderen Fieber wegen Unterkühlung melden.
Am anderen Morgen wurde wir mit einem ausgiebigen Frühstück geweckt. Und noch jemand Anderer wartete auf mein Wachwerden. Ich konnte nicht sagen, ob mich der Kaffeeduft oder seine Anwesenheit geweckt hatte. Neben meinem Bett stand Jens Mattens und blickte auf das Meer hinaus. Wie er bemerkte, dass ich aufgewacht war, drehte er sich etwas besorgt, aber mit einem Lächeln, zu mir um. „Ich hatte ja versprochen, wieder zu kommen.“
Verständnislos blickte ich ihn an. Bevor das Schweigen peinliche Züge annehmen konnte, begann ich: „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich wollte mich noch persönlich für mein dummes Weglaufen entschuldigen. Ich war so schrecklich durcheinander...“ Jetzt war es an Mattens überrascht und mit einem Fragezeichen im Gesicht aufzusehen. Dann begann er zu verstehen. Er überlegte kurz, wie er am besten beginnen sollte. „Du scheinst auch jetzt noch etwas durcheinander zu sein. Aber das ist verständlich... Albino.“
Meine spontane Reaktion auf seine ersten Worte war, wie kam dieser Angestellte dazu, mich zu duzen. Dann sickerten seine restlichen Worte bei mir durch, und nun war ich es, die verlegen und stark errötend auf meine Bettdecke starrte. Zaghaft setzte ich an: „Argus?“ „Ja, Steffi. Ich bin Argus. Ich wusste nicht, wie ich es dir sonst hätte schonend beibringen können. Ich war wegen deiner Flügel damals genauso überrascht. Lange Zeit dachten wir, die Einzigen zu sein. Aber mit dir steigt unsere Hoffnung wieder, dass es noch mehr von uns gibt.“
Ein Glücksgefühl durchströmte mich und gleichzeitig setzte auch ein Kribbeln am Körper ein. Argus, der die Anzeichen für eine Verwandlung kannte, bremste mich sanft, indem er mit einer Geste über meinen Rücken strich. „Nicht hier, bitte. Das ist zu gefährlich. Lass uns heute Abend am Strand wieder zusammen kommen.“
Obwohl mir das Warten bis zum Abend sehr schwer fiel, hatte ich dennoch etwas, worauf ich mich unbändig freuen konnte. Argus hatte mir noch ein paar Anweisungen gegeben, was mit meinem Gepäck und meinen persönlichen Sachen zu geschehen hatte. Ein Brief an meine Familie zu Hause lag versandfertig im Zimmer auf dem Tisch. Ich verließ nach dem Abendessen mein Zimmer, in welchem ich noch ein aufgesetzte Schreiben möglichst auffällig hingelegt hatte. Man würde mich frühestens morgen früh vermissen und dann anhand dieses Schreibens wissen, was zu tun sei.
Frohen Mutes lief ich zum abgelegenen Strand. Schon von weitem sah ich Argus mit seinen prächtigen Flügeln sitzen, seinen Kopf mit den fröhlich schillernden Augen mir zugewandt. In aller Eile lief ich auf ihn zu und bemerkte dabei nicht einmal, wie ich immer wieder strauchelte und mich unaufhaltsam in einen Drachen verwandelte. Er lächelte mir zu und gemeinsam flogen wir los... einer neuen Zukunft entgegen.
Falls jemand meine Geschichte für gut befindet und diese für private Zwecke nutzen möchte, so wäre ich über ein Feedback dankbar und würde mich freuen. :)
Die Geschichte darf für private Zwecke kopiert, jedoch nicht verändert werden.
Einige kennen die Geschichte vllt noch in ihrer Urfassung. Ich habe sie die letzten Tage noch einmal etwas aufgepeppt ^^
Einer neuen Zukunft entgegen
Ein paar Tage Erholung hatte der Arzt gemeint, das würde mir gut tun nach all der Aufregung. Also habe ich brav meine Koffer gepackt und bin hierher an die Nordsee gefahren.
Um nicht zu sehr aufzufallen habe ich, wie fast alle hier, öffentliche Verkehrsmittel gewählt. Obwohl mir die vielen Menschen und der Zeitdruck zu wider sind, hatte ich doch bis zur Ankunft in der Klinik tapfer durchgehalten. Erst auf meinem Zimmer erlaubte ich mir durchzuatmen, und die Anspannung des Tages fiel etwas von mir ab.
Während ich im Badezimmer meine Utensilien auspackte, sah ich zum ersten Mal seit Stunden wieder bewusst in einen Spiegel. Für einen Moment hielt ich inne und betrachtete mein Spiegelbild eingehend. Nein, da gab es keine Auffälligkeiten. Obwohl ich unterwegs immer wieder den Eindruck hatte, dass mich alles anstarrte... ich sah aus wie immer... na ja, vielleicht etwas abgekämpfter als sonst. Mir schaute eine brünette jugendlich wirkende Frau entgegen, zwar etwas müde, aber sonst nichts auffälliges.
Dabei hatte ich erst vor einigen Tagen dieses seltsame Erlebnis, das mich veranlasst hatte einen Arzt aufzusuchen. Ich hatte das beherrschende Gefühl gehabt verrückt zu werden. Ich meinte plötzlich, dass mir meine Haut zu eng wäre. Es fing damit an, dass es auf meinem Rücken zwischen meinen Schulterblättern heftig zu jucken anfing. Auch sah ich „wie aus großer Höhe“ auf alles hinunter – es fiel mir sogar schwer zu laufen, so als würde ich meine Füße ständig verwechseln. Ich hielt das alles für Sinnestäuschungen und Tagträume – ich und ein Drache sein, das war doch fast gar unmöglich ... ich sollte nicht so viel verrücktes träumen ...
Natürlich ging ich, wie es sich geziemt, zum Arzt, der mich zunächst ungläubig ansah, und dann logisch fragte, wann meine letzte Auszeit gewesen sei. Natürlich war mein letzter richtiger Urlaub schon geraume Zeit her, eigentlich sogar über fünf Jahre, so dass die Diagnose für den Arzt recht einfach erschien.
Zusätzlich vor dem Besuch beim Arzt hatte ich auch das elektronische weltweite Netz durchstöbert, nach allem, was mit meinen Symptomen und dem Gefühl, ein Drache zu sein, zusammen hängen könnte. Ich war auf seriös erscheinenden Seiten, aber auch auf mysteriösen oder gar dubiosen Seiten gelandet. Auf einigen Seiten las ich sogar über Menschen, die meinten, nicht im richtigen Körper zu stecken. Je mehr ich las, desto weniger begriff ich meine eigene Situation. Was hatte das alles mit mir zu tun? Oder bildete ich mir alles nur ein?
Um mehr zu erfahren, hatte ich mich zunächst auf einigen Seiten mit dem Alias „Albino“ angemeldet. Das erschien mir logisch, ich kam mir schließlich ebenso andersartig vor - und wurde dennoch freundlich, teils sogar herzlich, begrüßt... und Kontakt wurde mir ebenfalls sofort vielfach angeboten. Aber alles ging so rasant schnell. Viel zu schnell.
Ich brauchte Abstand. Abstand von der Famile, Abstand vom Beruf, aber vor allem Abstand von meinen wirren Gedanken, die mir beim besten Willen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten.
Ich sollte wirklich alles einmal setzen lassen.
Jetzt, nachdem ich eine ganze Prozedur an Terminen, Untersuchungen und Formularen hinter mir hatte, war ich also hier zur Kur angemeldet und sollte zu mir selber finden, wie der Arzt gemeint hatte. Wie sehr er mit diesem Satz Recht haben sollte, begriff ich auch erst viel, viel später.
Mein Spiegelbild starrte mich immer noch an, müde, gestresst und abgekämpft, auch wegen meiner noch nicht zu kontrollierenden Empathie. Aber ich musste noch einmal zu den anderen, zur Begrüßungsrunde und zur Hausbesichtigung. Ich ermutigte mich selber: „Steffi Reimor, das bisschen schaffst du nun auch noch, du bist schon so weit gekommen.“
Die Gefühle, die mir kurz darauf, bei der Begrüßung, entgegen schlugen, waren ganz unterschiedlicher Art und hatten nichts mit mir zu tun. Erst als es mir gelungen war, meine Blockade zu errichten, ging es mir wieder besser. Das war auch so etwas, neuerdings konnte ich die Gefühle anderer aufnehmen... leider konnte ich es noch nicht kontrollieren. Am Ende des Tages war ich froh, in ein – wenn auch hartes – Bett zu sinken und schlafen zu dürfen.
Der Klinikalltag hatte mich sofort eingeholt. Nur gut, dass ich nicht ganz allein war. Jemand hatte mir angeraten, für alle Fälle mein Notebook mitzunehmen. „Es könnte gut sein, dass du Hilfe brauchst, die dir niemand in der Klinik bieten kann. Dann scheue dich bitte nicht, uns auch zu fragen.“
Schöne Worte, nur wen sollte ich fragen und wem vertrauen? Die Leute in den Foren waren mir alle noch fremd. Ich beschloss, diese Frage zurück zu stellen und später zu klären. Vielleicht renkte sich auch so alles wieder ein...
Ein paar Tage später hatte ich meine erste Massage. Bisher lief mein Behandlungsplan normal und ruhig. Die eine und andere Anwendung hatte ich ebenfalls schon hinter mir. Ich war neugierig und gespannt, was passieren würde. Aber zunächst einmal wurde ich in ein enges Tuch mit heißer Fango gewickelt, um meine Muskeln zu lockern. Ganz entspannt ließ ich mich mit meinen Gedanken von der Wärme treiben und genoss dieses angenehme, warme Gefühl. Nach einiger Zeit – ich muss wohl eingenickt sein – kam der Masseur und brachte die Fangopackung an ihren Platz zurück. Dann begann er mit einem wohlriechenden anregenden Massageöl mir professionell über den Rücken zu streichen. Es war ein sehr angenehmes Gefühl und auch etwas seltsam. Ich fühlte etwas wie Schuppen, die unter der Massage ganz weich und flexibel wurden. Da ich keinen erstaunten Ausruf, oder gar Aufschrei hörte, ging ich davon aus, dass ich mir diese Gefühle nur einbildete, und man aber nichts erkennen konnte. Ich ließ mich von meinen Sinneseindrücken leiten und vertiefte mich in diesen außergewöhnlichen und irgendwie auch seltsam vertrauten Genuss.
Gerade hatte ich mir vorgestellt, wie der Masseur wohl reagieren würde, wenn er plötzlich meine Flügelansätze massieren würde, als ich in dem Moment sein überraschtes Aufatmen bemerkte. Ich fühlte ebenfalls eine Veränderung auf meinem Rücken, genauer zwischen meinen Schulterblättern. „Was ist denn das hier? Was passiert da?“ hörte ich einen etwas ratlosen jungen Physiotherapeuten fassungslos murmeln.
Ich richtete mich etwas auf und griff mit einer Hand nach hinten. Tatsächlich, die Ansätze von Flügeln. Mit dieser Situation ebenfalls ziemlich überfordert brach ich zunächst in Panik und dann in Tränen aus, wobei es mir nun heiß und kalt den Rücken runter lief.
Der junge Therapeut fasste sich als erster wieder und schlang mir geistesgegenwärtig ein Laken um die Schultern, dann meinte er: „Frau Reimor, kommen Sie bitte mit mir mit. Hier im fast offenen Bereich können Sie so jedenfalls nicht bleiben.“ Da ich eh keine andere Wahl hatte, ohne noch mehr Aufsehen zu erregen, ging ich brav mit ihm mit in eine Einzelkabine. Meine Kleider und Schuhe hatte ich unter meinen Arm geklemmt.
Der Masseur verließ mich mit den Worten: „Ich komme sofort zurück.“ ... ob er wirklich wieder kommen würde? Ich setzte mich etwas verloren auf den Wannenrand des Bades, in das er mich gebracht hatte. Ich war unschlüssig, was ich jetzt tun sollte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Doch schon ein paar Minuten später kam er zurück. Er ließ warmes Wasser in die Wanne und meinte: „Setzen Sie sich erst einmal hier hinein und versuchen Sie sich zu entspannen. Ich habe dafür gesorgt, dass Sie hier für die nächste Stunde ungestört sind. Leider habe ich auch noch andere Patienten. Ich würde mich später gerne noch mit Ihnen unterhalten, Frau Reimor.“
Obwohl ich den Masseur, er hieß Jens Mattens, fiel mir gerade wieder ein, kaum kannte, so hatte ich doch kein schlechtes Gefühl bei ihm. Was ich jedoch dann hörte, als ich bereits im wohltuenden warmen Bad saß, ließ mich wieder hellhörig werden. Ich hörte Mattens mit jemandem telefonieren. Eigentlich war das völlig unmöglich, da die Tür zum Bad geschlossen war, und dennoch... Ich hörte jedes seiner Worte, von seinem Gesprächspartner jedoch gar nichts. „Du musst unbedingt sofort herkommen ... eine Sensation. Das würdest du mir niemals glauben ... Nicht am Telefon. Vertrau mir. ... es gibt sie wirklich. ...“
Ich hatte genug gehört. Ich war verwirrt, enttäuscht und traurig, wütend und fast schon entsetzt und ein beunruhigendes Kopfkino spielte sich vor meinem inneren Auge ab. Rasch stieg ich aus dem Wasser, zog mich hastig an und verließ leise das Bad durch einen Nebeneingang. Ich wollte so schnell wie möglich weg von hier. In meiner Panik bemerkte ich nicht, dass mir alles wieder ganz normal passte. Ich war blind vor Panik und achtete nicht darauf, wohin ich lief. Ganz automatisch hatten mich meine Schritte jedoch über unzählige Gänge und Stockwerke zurück auf mein Zimmer geführt. Erst als ich hinter mir abgeschlossen hatte, erlaubte ich mir tief durchzuatmen. Mit dem Sauerstoff kam auch die Ernüchterung und die Tatsache, dass ich an meinen Schulterblättern nichts auffälliges mehr spürte, obwohl ich mit dem Rücken gegen die Tür lehnte. Neugierig und ein wenig besorgt, ging ich zur Garderobe wo ein Spiegel angebracht war. Nichts. Ich drehte mich mehrmals neugierig hin und her. Es war rein gar nichts zu sehen.
Hatte ich mir alles eingebildet? War überhaupt nichts geschehen? Spielten mir meine Nerven einen Streich? Was sollte ich tun? Wie sollte ich mich verhalten? Was würde Mattens sagen, wenn ich ihm das nächste Mal begegne? Ich wollte am Liebsten sofort im Boden versinken.
Vorerst beschloss ich, mich weiterhin ganz normal zu verhalten. Das mit dem Masseur würde sich dann schon irgendwie ergeben. Bis zum Abend hatte ich noch etwas Zeit, die ich sinnvoll nutzen wollte. Meine restlichen Termine für heute ließ ich deshalb wegen Unpässlichkeit streichen.
Wenig später ging ich bei dem schönen, sonnigen Frühlingswetter ins Freie und suchte mir ein ruhiges Plätzchen am Strand. Dann packte ich mein Notebook vorsichtig aus, darauf achtend, dass es keinen Sand ab bekam, und stellte über mein Handy eine Verbindung ins Internet her. Ich wollte mehr wissen. Aufmerksam las ich die Seiten durch, wo ich mich angemeldet hatte, Beitrag für Beitrag. Vieles machte mich noch neugieriger, aber auf mein Problem hatte ich noch immer keine Antwort gefunden. In meiner kargen Chatliste war auch niemand, den ich hätte fragen können. Also beschloss ich, einen auf meine Situation zugeschnittenen Beitrag zu schreiben und mein Problem so genau und offen wie möglich zu schildern.
Kaum hatte ich meinen Beitrag frei gegeben, bekam ich auch sogleich Antwort. Jemand mit dem Namen „Argus“ hatte alles gelesen und versuchte mir hilfreiche Tipps zu geben. Doch er meinte gleich, um besser helfen zu können, sollte ich mein Problem genauer umschreiben. „Wenn du willst, kannst du mich auch direkt kontaktieren.“
Er erschien mir auf den ersten Eindruck ehrlich genug, so dass ich einen Versuch wagen würde, blockieren konnte ich ihn ja immer noch. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und wenig später unterhielt ich mich mit Argus im Privatchat über das Vorgefallene. Ich hatte wiederum ein gutes Gefühl, dass ich ihm soweit vertrauen konnte, schließlich lag es an mir, was ich ihm glauben wollte. Und ich konnte den Kontakt ja jederzeit abbrechen. Ich stutzte zwar einen Moment als ich seinen Vornamen „Jens“ in seinem Profil las, aber dann tat ich es als Zufall ab.
Seine Fragen erinnerten mich dennoch irgendwie an Mattens, aber das war vielleicht auch meine derzeit hochsensible Wahrnehmung, die mir da einen Streich spielte. Er meinte noch, ich könne ihn jederzeit anschreiben, da er gerade irgendwo Urlaub machen würde und meist online sei. Aber ich schrieb ihm lachend zurück, dass er nur mal schön bleiben sollte, wo er war. Ich würde mich schon melden, wenn wieder etwas wäre. So nah wollte ich jetzt doch noch niemanden bei mir haben.
Wesentlich ruhiger, und erleichtert jemanden zu haben, dem ich einiges anvertrauen konnte, ging ich zurück zum Abendessen in die Klinik. Ich fühlte mich sogar wieder so gut, dass ich gleich den vorgeschlagenen Ausflug für Sonntag buchte: Eine geführte Wanderung durchs Watt. Ich war guter Dinge und unternehmungslustig genug, dass ich mir Bilder ausmalte, wie es im Watt wohl sein würde.
Doch zuvor hatte ich einen weiteren Massagetermin. Etwas Bammel hatte ich schon davor. Was würde Mattens wohl sagen? Meine Angst jedoch war unbegründet. Der junge Masseur war nicht da. Nach meiner Massage, die eine Kollegin von ihm gemacht hatte, wollte ich dann doch neugierig wissen, weshalb er nicht hier war. Hatte es mit mir zu tun? Vorsichtig fragte ich an: „Ich vermisse Herrn Mattens. Ist er... krank?“ „Nein, er musste nur seinen Resturlaub antreten.“ Wie dumm von mir. Und ich dachte schon, dass es mit mir zu tun hatte. Ich ließ mir meine Gedanken nicht anmerken und meinte nur „vielen Dank. Bis zum nächsten Mal.“ Damit verabschiedete ich mich etwas zerknirscht und ging zu meiner nächsten Anwendung, die sich im Sportbereich befand.
Das Wochenende war ja nicht mehr weit, da konnte ich dann getrost ausspannen. Meine freie Zeit bis dahin verbrachte ich im Freien. Ich beobachtete die geschäftigen Menschen um mich herum und verglich sie mit den lärmenden und durch die Luft gleitenden Möwen. Eine heimliche Sehnsucht packte mich, während ich dem unbeschwerten Flug der Vögel zusah. Und das Kribbeln auf meinem Rücken wurde dabei auch wieder stärker als sonst. Aber trotzdem blieb es wiederum nur beim Kribbeln. Ich empfand es dieses Mal eher als angenehm, und kein bisschen lästig.
Den Rest meiner Zeit verbrachte ich immer öfter mit Argus gemeinsam im Internet. Je mehr Zeit ich uns widmete, desto vertrauter erschien er mir. Er stellte mir noch ein paar seiner Freunde vor, da er meinte: „...es könnte ja sein, dass ich nicht immer hier bin, wenn du mich brauchst.“ So lernte ich „Phönix“ und „Eagle“ näher kennen. Einer der drei schien immer präsent zu sein, und meist schalteten wir die anderen dann zum Gruppenchat dazu.
Ich lernte von ihnen mehr, als ich je in der kurzen Zeit hätte lesen können. Außerdem merkte ich, dass ich Mattens eigentlich ziemlich unrecht getan hatte. Wenn ich mir die Situation noch einmal durch den Kopf gehen ließ, war das Telefonat ganz unverfänglich. Er hätte genauso über eine seltene Fischart oder sonst etwas anderes sprechen können. Wenn ich ihn doch wenigstens irgendwie erreichen könnte, um mich zu entschuldigen.
Ich erzählte den dreien vom geplanten Ausflug ins Watt. Aber wo genau an der Nordsee ich mich aufhielt, das traute ich mich immer noch nicht zu sagen. Sie wünschten mir jedenfalls viel Spaß dabei und meinten halb lachend: „Sei aber schön vorsichtig^^ sonst bleibst du noch mitten im Watt stecken^^ “ Das versprach ich gern.
Am Sonntag gesellte ich mich zu der Watt-Wandergruppe und begrüßte auch einige dabei, die mit mir zusammen kurten. Wir wurden noch einmal auf die Risiken hingewiesen und kontrollierten den festen Sitz unserer Stiefel. Erst nachdem alle soweit angezogen waren, ging es los. Unterwegs lachten und scherzten wir immer wieder miteinander. Und besonders dann, wenn wieder eine von uns im Schlick besonders tief eingesunken war und mit dem Fuß selbst ohne Stiefel fast nicht mehr heraus kam. Dem Wattführer, Olf Tidken, hörten wir aufmerksam zu, wenn er uns etwas erklärte oder zeigte.
Gegen Ende der Führung mahnte uns der Führer zur Eile und zählte uns noch einmal auf, wie wir uns verhalten müssten, sollte uns einmal die Flut überraschen. „Halten sie sich immer quer zu den Prielen und überqueren sie diese so schnell wie möglich, wenn sie merken, dass sie sich in der Zeit vertan haben. Die Priele laufen bei Flut als erstes voll und müssen unter allen Umständen überwunden werden.“
Da einige von uns auch kleinere Kinder dabei hatten, waren wir nicht besonders schnell und fielen immer wieder von der Hauptgruppe zurück, welche einen anderen erfahrenen und ortskundigen Wanderer in der Gruppe gefunden hatte. Da Olf Tidken sehr gut auf die Kinder eingehen konnte und merkte, dass es den anderen Erwachsenen zu langsam ging, hatte er dem Ortskundigen sein o.k. gegeben und wir sahen von der restlichen Gruppe bald nichts mehr.
Zu allem Überfluss war nun auch noch ganz plötzlich Nebel aufgekommen. Obwohl der junge Mann versuchte, sich seine Panik nicht anmerken zu lassen, hörte ich aus seiner Stimme deutlich wie er sich fühlte und sah den kalten Schweiß auf seiner Stirn. „Folgen sie mir bitte, wir sind ganz nah an der Küste. Ein paar Minuten noch und wir haben es geschafft,“ meinte er mit Zuversicht in seiner Stimme. Tidken wollte sich selber wohl mehr Mut zusprechen als uns fünf Erwachsenen und sieben Kindern, die wir die extreme Gefahr nicht wirklich einschätzen konnten, in der wir längst schwebten ohne es zu ahnen. Fast etwas zu hektisch nahm der junge Mann seinen Kompass zur Hand und stiefelte uns zielstrebig immer ein paar Meter voraus. Wobei er sich alle paar Augenblicke zu uns umdrehte um sich zu vergewissern, dass wir ihm folgen konnten. Langsam aber beständig füllten sich die Priele und das Schmatzen unserer Stiefel bei jedem Schritt wurde ebenfalls immer satter. Immer schneller trugen uns unsere Füße voran. Wir waren scheinbar schon Stunden unterwegs, und der Nebel wollte und wollte nicht weichen.
Doch bald mussten wir feststellen, dass die Kleinen unser Tempo nicht halten konnten. Da jeder einzelne Schritt für uns in der zähen Masse fast erkämpft werden musste, machte es auch wenig Sinn, die Kleineren Huckepack zu tragen. Die besorgten und erschöpften Mütter begannen auf den armen Führer einzureden und ihn zu bearbeiten etwas gegen die Flut zu unternehmen. Als ob er die Macht hätte, das Wasser zurück zu halten. Und die Flut schien immer schneller zu kommen. Inzwischen umspülte das Wasser bereits ständig unsere Stiefel. Und es begann zu allem Unglück nun auch schon zu dämmern, früher als gewöhnlich, da der Nebel das Sonnenlicht zusätzlich dämpfte.
Den meisten von uns war inzwischen klar, dass wir es nie rechtzeitig ans Ufer zurück schaffen würden. Einige blieben deshalb in Panik wie angewurzelt stehen und waren zu keinem weiteren Schritt mehr zu bewegen. Dabei sanken sie immer weiter ein und hatten Mühe sich wieder zu befreien. Die Kinder, die sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnten, schrieen in wilder Panik, und ihre Mütter reagierten genauso panisch, alles vergessend was sie heute gelernt hatten, und sanken bei ihren helfenden Versuchen noch tiefer ein. Selbst Tidken konnte nicht überall gleichzeitig sein.
Ich überlegte fieberhaft, wie ich selber helfen konnte. Mir selbst ging es einigermaßen gut. Irgendwoher würde schon Hilfe kommen, da war ich ganz zuversichtlich. Mir fiel mein Handy ein. Rasch holte ich es hervor ... kein Netz ... Olf, der das gesehen hatte, schüttelte traurig mit dem Kopf. „An diese Möglichkeit hatte ich auch schon gedacht. Nur leider funktioniert es nicht überall.“ Jetzt war auch ich ratlos. Für einen Moment dachte ich im Stillen an meine neuen Freunde. ‚Denen würde jetzt bestimmt etwas einfallen.’
Bei dem Gedanken an sie bekam ich ein leichtes Kribbeln und Stechen im Rücken, das ich in der augenblicklichen Situation aber nicht weiter beachtete. Das Wasser hatte meine vorrangige Aufmerksamkeit, und es kam rauschend und mit Macht näher. Dann jedoch bemerkte ich sogleich meinen Irrtum. Es war nicht das Wasser, das da rauschte. Es waren Schwingen, sechs gewaltige Schwingen.
Das was uns da entgegen kam war so fantastisch und unwirklich, dass nicht nur ich vor Schreck und Erstaunen die Luft anhielt. Die Kleinen fingen sich am Schnellsten wieder und riefen begeistert alle Furcht vergessend: „Drachen. Richtige, echte Drachen! Mama, sieh mal.“ Von diesen Wesen schien weniger Bedrohung auszugehen als vom unbändigen Wasser, das mit Nachdruck immer näher kam und uns bereits versuchte von den Füßen zu reißen.
Es waren drei dieser Wesen, eines bizarrer als das andere. Sie verharrten vor uns flügelschlagend in der Luft. Der Kleinste der drei sah aus wie ein überdimensional großer Adler. So groß, dass eine Person locker auf ihm reiten könnte. Ich sah mir sofort auch die anderen beiden an. Ich ahnte bereits, wer uns da zu Hilfe geeilt war, und Argus zwinkerte mir grüßend zu.
Er war als Drache am Imposantesten. Mit seinen etwa 20 Metern Länge und seinen braunen Schuppen war er geradezu das Ideal eines Drachen. Der dritte stach nicht nur durch seine rotgoldene Farbe von den anderen ab, sondern war tatsächlich halb Phönix und halb Drache. „Wir kommen, um zu helfen,“ klang eine sonore Stimme durch unsere Köpfe. Olf Tidken sah verdutzt von einem zum anderen, und dann zu mir und den anderen der Gruppe. Ich machte es mir jedoch ziemlich einfach, indem ich scheinbar unwissend nur mit den Schultern zuckte. Stattdessen meinte ich dazu: „Wenn das keine Fügung des Schicksals ist. Wer will als erstes einen Freiflug haben?“ Die Kinder waren sofort begeistert und vergaßen dabei völlig, in welcher Gefahr sie bis gerade eben noch geschwebt hatten.
Wir kamen überein, dass ein Erwachsener mit den Kindern mitfliegen sollte. Schnell kletterten alle Kids bei Argus auf, der bereitwillig seine Pranke als Aufstiegshilfe entgegen streckte. Wobei er aufgrund seines Körpergewichts lieber in der Luft verharrte. Dann flog er geradewegs zur Küste zurück, kaum dass alle Kinder mit dem Erwachsenen auf ihm Platz gefunden hatten. Unterdessen verteilte unser Watt-Experte weitere Plätze auf Eagle und Phönix, was aber auch einige Überredungskünste erforderte. Beide Freunde versuchten mir tröstende und beruhigende Gedanken zu schicken, aber ich war viel zu sehr mit mir selber beschäftigt. Irgendetwas beunruhigendes ging in mir, mit mir, vor. Mir war plötzlich gar nicht mehr wohl in meiner Haut.
Gerade als die beiden losflogen, kam schon Argus wieder zurück. Mit einem Blick erfasste er die neue Situation. „Albino...“ begann er seinen Satz. „Nenne mich einfach Steffi, Albino ist nur mein Pseudonym.“ „Steffi, du brauchst keine Angst zu haben um das, was mit dir passiert. Wenn du es nicht möchtest, wird es auch nicht geschehen. Aber vielleicht sollten wir an einem ruhigeren Ort weiterreden.“ Ich stimmte ihm zu, da meine Lage durch das stetig steigende kalte Meerwasser nicht besser wurde, und Argus ständig mit den Flügeln schlagen musste. Würde er landen, würde ihn seine Körpermasse gleich ein gewaltiges Stück einsinken lassen. „Du hast Recht, lass uns später reden.“
Zuvorkommend half er mir auf seinen Rücken. Seinen Kopf zu mir drehend meinte er noch: „Du hast herrliche Flügel, Steffi.“ Erschrocken, und auch ein wenig geschmeichelt, drehte ich meinen Kopf um zu sehen, was er gemeint hatte. Tatsächlich sah ich hinter mir ein paar filigrane Flügel, die noch fest zusammen gefaltet waren. Durch den Nebel und das Dämmerlicht konnte ich keine Farben erkennen, aber sie schienen nicht weiß zu sein. „Halte dich gut fest, es geht los.“ Und Argus erhob sich flügelschlagend in die Lüfte.
Vom langsam aufkommenden Wind getragen ließ er sich zur Küste gleiten. Ich überlegte, ob ich es wagen könnte meine neugewonnenen Flügel ebenfalls auszubreiten, war mir aber nicht schlüssig. Argus, der entweder meinen Gedankengang verfolgt hatte, oder sogar Gedanken lesen konnte, meinte nur „versuch es nur. Wenn du dich weiterhin auf mir festhältst, passiert dir auch nichts dabei. Und meinen Flug stört es nicht.“ Zaghaft öffnete ich meine Flugfinger und der Wind spielte sofort mit der zarten Membran dazwischen. Ein völlig neues Glücksgefühl überkam mich dabei. So frei hatte ich mich noch niemals in meinem Leben gefühlt.
Gleichzeitig machte sich jedoch auch eine Ernüchterung in mir breit. Was sollte aus meinem Alltag werden? Was würde da mit meinen Flügeln geschehen? Argus schien mich tatsächlich auch ohne Worte zu verstehen. „Du hast nun jede Menge Fragen und noch mehr Antworten. Lass am Besten alles sich einmal setzen. Vieles klärt sich von allein. Ich bringe dich jetzt wieder zu deiner Gruppe, damit man euch geschlossen finden kann. Beantworte der Polizei gegenüber am besten gar keine Fragen... Wir werden uns wiedersehen.“
Kaum dass er mich in einiger Entfernung absteigen ließ, davon geflogen war und ich bei der Gruppe angekommen war, kam auch schon ein Suchtrupp, der nach uns Vermissten gesucht hatte. Sofort wurden wir in warme Decken gehüllt und zur Klinik gebracht. Meine Flügel waren, wie durch Zauberei, wieder weg, kaum dass ich den Boden berührt hatte. Unterwegs wurden wir schon mit vielen Fragen bombardiert. Doch keiner schien sich mehr daran zu erinnern, wie wir ans rettende Ufer gelangt waren. Die Kinder wussten noch etwas von geflügelten Wesen, aber ihrer blühenden Fantasie glaubte keiner so recht.
In der Klinik mussten wir alle auf die Krankenstation, damit die Schwester gleich eingreifen konnte, sollte sich über Nacht doch noch bei dem einen oder anderen Fieber wegen Unterkühlung melden.
Am anderen Morgen wurde wir mit einem ausgiebigen Frühstück geweckt. Und noch jemand Anderer wartete auf mein Wachwerden. Ich konnte nicht sagen, ob mich der Kaffeeduft oder seine Anwesenheit geweckt hatte. Neben meinem Bett stand Jens Mattens und blickte auf das Meer hinaus. Wie er bemerkte, dass ich aufgewacht war, drehte er sich etwas besorgt, aber mit einem Lächeln, zu mir um. „Ich hatte ja versprochen, wieder zu kommen.“
Verständnislos blickte ich ihn an. Bevor das Schweigen peinliche Züge annehmen konnte, begann ich: „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich wollte mich noch persönlich für mein dummes Weglaufen entschuldigen. Ich war so schrecklich durcheinander...“ Jetzt war es an Mattens überrascht und mit einem Fragezeichen im Gesicht aufzusehen. Dann begann er zu verstehen. Er überlegte kurz, wie er am besten beginnen sollte. „Du scheinst auch jetzt noch etwas durcheinander zu sein. Aber das ist verständlich... Albino.“
Meine spontane Reaktion auf seine ersten Worte war, wie kam dieser Angestellte dazu, mich zu duzen. Dann sickerten seine restlichen Worte bei mir durch, und nun war ich es, die verlegen und stark errötend auf meine Bettdecke starrte. Zaghaft setzte ich an: „Argus?“ „Ja, Steffi. Ich bin Argus. Ich wusste nicht, wie ich es dir sonst hätte schonend beibringen können. Ich war wegen deiner Flügel damals genauso überrascht. Lange Zeit dachten wir, die Einzigen zu sein. Aber mit dir steigt unsere Hoffnung wieder, dass es noch mehr von uns gibt.“
Ein Glücksgefühl durchströmte mich und gleichzeitig setzte auch ein Kribbeln am Körper ein. Argus, der die Anzeichen für eine Verwandlung kannte, bremste mich sanft, indem er mit einer Geste über meinen Rücken strich. „Nicht hier, bitte. Das ist zu gefährlich. Lass uns heute Abend am Strand wieder zusammen kommen.“
Obwohl mir das Warten bis zum Abend sehr schwer fiel, hatte ich dennoch etwas, worauf ich mich unbändig freuen konnte. Argus hatte mir noch ein paar Anweisungen gegeben, was mit meinem Gepäck und meinen persönlichen Sachen zu geschehen hatte. Ein Brief an meine Familie zu Hause lag versandfertig im Zimmer auf dem Tisch. Ich verließ nach dem Abendessen mein Zimmer, in welchem ich noch ein aufgesetzte Schreiben möglichst auffällig hingelegt hatte. Man würde mich frühestens morgen früh vermissen und dann anhand dieses Schreibens wissen, was zu tun sei.
Frohen Mutes lief ich zum abgelegenen Strand. Schon von weitem sah ich Argus mit seinen prächtigen Flügeln sitzen, seinen Kopf mit den fröhlich schillernden Augen mir zugewandt. In aller Eile lief ich auf ihn zu und bemerkte dabei nicht einmal, wie ich immer wieder strauchelte und mich unaufhaltsam in einen Drachen verwandelte. Er lächelte mir zu und gemeinsam flogen wir los... einer neuen Zukunft entgegen.
(c) Copyright by Auruliyuth (2007)
(überarbeitet 2010)
(überarbeitet 2010)

Auruliyuth- Anzahl der Beiträge: 62
Anmeldedatum: 12.06.10
Alter: 45
Ort: südl. Bad.-Württ.
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
oh ich kenne diese egschichte ... habe sie damals schon einmal mit begeisterung lesen dürfen und ich muss sagen mir standen die schuppen zu berge .. sehr mitreissend und erzeugt eine sehnsucht die jeder dragonkin kennt
_________________
Gefühle sind wie ein Fluss sie formen uns im laufe unseres lebens immer weiter

Amarayutsu- Anzahl der Beiträge: 847
Anmeldedatum: 18.02.10
Alter: 28
Ort: Schleswig holstein
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
ich danke dir^^
Es ist eine jener Geschichte, die ich ohne viel Nachdenken zu müssen direkt aufs Papier geschrieben habe. :)
Es ist eine jener Geschichte, die ich ohne viel Nachdenken zu müssen direkt aufs Papier geschrieben habe. :)

Auruliyuth- Anzahl der Beiträge: 62
Anmeldedatum: 12.06.10
Alter: 45
Ort: südl. Bad.-Württ.
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
habe deine geschichte mit freude gelesen...ich finde sie echt super
weiter so ^|_|^
weiter so ^|_|^

Katsuo Cires Salamand- Anzahl der Beiträge: 154
Anmeldedatum: 27.06.10
Alter: 25
Ort: Arzgebersch
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
Die Geschichte ist wirklich sehr beeindruckend. So etwas habe ich noch nie gelesen und hat mich sehr berührt. Die Texte sind fantastisch ausgearbeitet und die Worte gut gewählt. Ich konnte mich richtig in die Geschichte versetzen. Mir lief auch ein kalter schauer über die Schuppen. Eine sehr ausdrucksvolle Geschichte.
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
Ich danke euch :)
Auch wenn er es vllt nicht weiß, aber ich hatte einen guten Lehrmeister in DonKarto 8)
An meiner ersten Geschichte ließ er anfangs kaum einen Absatz ohne Anmerkungen durchgehen^^
In dieser Zeit habe ich unheimlich viel über die Sprache und ihre Wirkung gelernt :D
Auch wenn er es vllt nicht weiß, aber ich hatte einen guten Lehrmeister in DonKarto 8)
An meiner ersten Geschichte ließ er anfangs kaum einen Absatz ohne Anmerkungen durchgehen^^
In dieser Zeit habe ich unheimlich viel über die Sprache und ihre Wirkung gelernt :D

Auruliyuth- Anzahl der Beiträge: 62
Anmeldedatum: 12.06.10
Alter: 45
Ort: südl. Bad.-Württ.
Re: Einer neuen Zukunft entgegen
Das ist ein wunderschöner text. Ich kenne das gefühl, wenn man einfach...frei sein möchte.Wegfliegen möchte.

Eisatem- Anzahl der Beiträge: 124
Anmeldedatum: 24.07.10
Ort: Wald
Ähnliche Themen» Einer neuen Zukunft entgegen
» Zeichen einer neuen Realität?
» keine neuen Lohnsteuerkarten für 2011
» Was muss man bei einer Verlagsbewerbung beachten?
» Merlin - Die neuen Abenteuer
» Zeichen einer neuen Realität?
» keine neuen Lohnsteuerkarten für 2011
» Was muss man bei einer Verlagsbewerbung beachten?
» Merlin - Die neuen Abenteuer
Seite 1 von 1
Forenbefugnisse:
Sie können in diesem Forum nicht antworten














» Über die sinnlosigkeit von Gewalt und wie man sich satatt dessen verhalten sollte
» Abwesend/Anwesend
» Astral
» *Vorsichtig ins Forum schnüffel und umschau*
» An was denkt ihr zur zeit ?
» Was hört ihr zur Zeit?
» Battlefield
» Ne schräge WG-Höhle
» Meine kleine Galerie